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Siggi Karcher

Bericht: Gaildorfer Rundschau vom 03.7.2015, Klaus-Michael Oßwald

Klare Ansage

Seine verwaschene ärmellose Jeansjacke. Seine emotionsgeladenen Ansagen. Seine Histörchen über Musiker und Bands. Das alles ist längst Kult auf dem Gaildorfer Bluesfest. Das ist Siegfried "Siggi" Karcher!

"Hallo Gaildorf! Liebe Bluesfreundinnen und Bluesfreunde, herzlich willkommen!"


Alle zwei Jahre - mindestens! - kommt er heim. Dorthin, wo er eigentlich, im ursprünglichen Sinn des Worts, gar nicht daheim ist - nach Gaildorf. Ihn lockt das Bluesfest, dessen 24. Auflage heute Abend beginnt. Dieses Festival von Weltruf nimmt den Heidelberger Bluesfreak seit vielen Jahren in Beschlag: Siggi Karcher moderiert.

Apropos Festbeginn: Ohne ihn läuft da nichts. Echte Bluesfestfans wissen: Erst wenn Siggi seine verwaschene, ärmellose Jeansjacke über das dunkle T-Shirt streift, in diesem für ihn typischen Outfit die Bühne im großen Zelt auf der Kocherwiese betritt, nach dem Mikrofon greift und den vielen tausend "Buben und Mädels" ein lautes "Hallo Gaildorf" entgegenschreit und zur Ansage des ersten Gigs ausholt - ja, erst dann ist das große Bluesspektakel wirklich eröffnet!

Siggi Karchers Ansagen im unverwechselbaren kurpfälzischen Dialekt sind Kult, seine betagten Bluesfestklamotten, die er jetzt wieder aus dem Schrank holt, sind es ebenso. Vor allem besagte Jeansjacke, vom vielen Tragen und Waschen gezeichnet, hier und dort geflickt, gilt als hervorstechendes Markenzeichen Karchers. Wobei es an der Zeit ist, mit einem Mythos aufzuräumen: Das Jäckchen ist kein Unikat! Siggi hatte sich nämlich in den Achtzigern in weiser Voraussicht gleich zwei solcher Teile besorgt.

Doch Jacke beiseite. Der Träger der selben, der in Kürze seinen 60. Geburtstag feiert, ist ein Bluesfest-Urgestein: Die reich bebilderte Chronik der Kulturschmiede verrät, dass Siggi Karcher bereits zum ersten Bluesfest anno 1978 in Gaildorf war. An den legendären Sessions im Hof des Alten Schlosses mischte er, die Bluesharp spielend, kräftig mit. Ein Archivbild zeigt ihn gemeinsam mit Rainer Böhme und K.G. Schulze, alias "Dr. Blue".

Ein Jahr später gab es ein Wiedersehen in Gaildorf, auf dem aus seiner Sicht "ersten offiziellen Bluesfest" - als Besucher. Als Musiker sollte er dann 1983 zum Bluesfest Nummer 6 erneut auf der Bühne stehen, diesmal auf dem Parkschul-Areal: Siggi Karcher und die von ihm mitgegründete "Oberrheinische Bluesgesellschaft" fungierten als Festival-Opener. Und sie überließen am Ende ihres gigantischen Auftritts Louisiana Red ein euphorisch gestimmtes Publikum.

Gaildorf ließ ihn fortan nicht mehr los. Und eines schönen Bluesfest-Abends stand er unverhofft gemeinsam mit Frank Müller und Werner Eichele als Co-Moderator auf der Bühne. Später schulterte er die Ansagen allein. "Ich bin da im Lauf der Jahre richtig reingewachsen", erinnert er sich.

Und staunt gleichzeitig: "Eigentlich kann ich das ja gar nicht vor so vielen Menschen!" Das Gaildorfer Publikum, das ihn offensichtlich mag, bilde da die absolute Ausnahme. Lampenfieber oder gar Panikattacken? Nicht auf dem Bluesfest! Wenn er auf der Bühne steht, die Weltstars des Blues ankündigt und die Fans nebenbei kurz und knackig mit Hintergrund-Informationen füttert, die kaum jemand kennt - dann fühlt er sich "wie im Wohnzimmer, gut aufgehoben!" Warum? "Es passt einfach. Punkt!"

Von diesem Gefühl zeugt auch der von ihm und Werner Eichele geschriebene Beitrag über das Bluesfest in dem Buch "Das blaue Wunder", herausgegeben von Winfried Siebers und Uwe Zagratzki.

Auf Alkohol, der ihm früher in haushaltsunüblichen Mengen durch die Kehle rann, verzichtet er inzwischen ebenso wie aufs Musizieren. Sein Job als Verkäufer in der Musik- und Filmabteilung eines Elektronikhandels lasse ihm zu wenig Spielraum, sagt er. Und sinniert schon einmal vorsichtig in Richtung Rentenalter: Vielleicht werde er dann ja wieder "aktiv Musik machen".

Aber eigentlich hat er die Ruhestandsphase in Gedanken bereits ausgefüllt: Wieder studieren vielleicht, allerdings nicht wie in jungen Jahren Jura, sondern römische Geschichte. Dabei schwebt ihm eine Direktpromotion vor. Dass Siggi Karcher das Zeug dazu hat, ist unbestritten: Nicht nur in Sachen Bluesmusik und Bluesgeschichte, für die er sich seit frühester Jugend interessiert, kann ihm kaum einer das Wasser reichen, auch der Regionalgeschichte im Südwesten Deutschlands gilt seine Leidenschaft.

Besonders die alten Römer lassen ihn seit seinem elften Lebensjahr nicht mehr los. Der Populärwissenschaft ist er jedoch längst entwachsen. Ein unbändiger Wissensdurst - Karcher hat schon früh Latein gelernt, um Originalquellen lesen zu können - und eigene Forschungen nehmen ihn immer dann in Beschlag, wenn der Blues mal Pause macht.

Siggi Karcher ist darüber hinaus ein brillanter Erzähler. Selbstkritisch reflektiert er seine Vergangenheit, seinen Lebensweg im Zick-Zack-Kurs - als Musiker mal gigantisch gut, mal miserabel gestimmt. Mal erfolgreich im Beruf, mal als Pechvogel vom Dienst. Doch stets kriegte er die Kurve, fand immer wieder den roten - pardon: blauen Faden. "Der Blues hat mein Leben gerettet. Mehrfach." Mit dieser Feststellung sähe Siggi gern seine Memoiren überschrieben.


Zur Person:
Siggi Karcher wurde 1955 in Mannheim geboren, wuchs in Mosbach auf und lebt heute im Großraum Heidelberg. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Rechtswissenschaften. Ein Jurist indes sollte aus dem eher technisch begabten jungen Mann nicht werden. Er ließ sich umschulen, lernte Zerspanungs-mechaniker. Der Technik galt das Interesse des Tüftlers und Bastlers, der oft schnellen Fahrrädern gerne weitere Erleichterung und elektronischen Unterhaltungsgeräten fürs Ohr meist besseren Klang angedeihen ließ. Siggi Karcher gelang es trotz aller Widrigkeiten, meist auf dem Boden zu bleiben. Nicht zuletzt dank eines guten Freundeskreises, wie er selbst sagt. Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeitet er in Heidelberg in einem Elektronikmarkt und ist dort für den Verkauf von CDs, DVDs und anderen digitalen Medien zuständig.


Text zum Foto: Beste Blueslaune, ärmellose Jeansjacke, klare Ansage: Siegfried "Siggi" Karcher auf der Bühne.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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